Strukturen, die unterstützen
Prävention neu denken – Für mehr Lebensqualität und ein tragfähiges Gesundheits- und Pflegesystem
Deutschland steht gesundheitspolitisch an einem Wendepunkt. Nur mit einer konsequenten Präventionspolitik wird unser Gesundheits- und Pflegesystem erfolgreich für alle sein. Gerade aus pflegepolitischer Perspektive ist das entscheidend: denn Prävention kann wesentlich dazu beitragen, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder hinauszuzögern.
Die Fakten liegen auf dem Tisch. Rund 40 Prozent aller vermeidbaren Todesfälle in Deutschland gehen auf vier zentrale Risikofaktoren zurück: Tabak- und Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel. Der aktuelle Präventionsbericht und insbesondere der Public Health Index des AOK-Bundesverbandes und des Deutschen Krebsforschungszentrums zeigen eindrücklich, dass genau hier die größten Hebel liegen – und dass Deutschland sie bislang nicht ausreichend nutzt.
Der Public Health Index macht deutlich, wie groß hier der Nachholbedarf ist: Deutschland landet im europäischen Vergleich auf einem der hinteren Plätze. Während andere Länder gezielt gegensteuern – etwa durch höhere Abgaben, Werbebeschränkungen oder verbindliche Standards für gesunde Ernährung – setzt Deutschland noch zu häufig auf Freiwilligkeit, Appelle und viel Eigeninitiative.
Das reicht nicht.
Wer Prävention ernst meint, muss Prävention breiter denken und die Lebensverhältnisse verändern. Verhältnisprävention ist der Schlüssel. Denn gesundheitsschädliches Verhalten entsteht nicht allein aus individuellen Entscheidungen, sondern aus den Bedingungen, in denen Menschen leben. Wenn zuckerreiche Lebensmittel allgegenwärtig und günstig sind, wenn Alkohol gesellschaftlich normalisiert ist und wenn gesunde Alternativen schwer zugänglich bleiben, dann greifen Appelle zu kurz. Verhältnisprävention bedeutet, die Lebensbedingungen so zu gestalten, dass gesundes Verhalten einfacher wird. Gute Prävention kann Gesundheit stabilisieren und Selbstständigkeit erhalten.
Gerade beim Thema Ernährung zeigt sich das besonders deutlich. Deutschland verzichtet bislang auf wirksame Instrumente wie eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke oder klare Regeln für Kinderwerbung. Dabei belegen internationale Beispiele, dass genau solche Maßnahmen den Konsum von Zucker reduzieren und damit langfristig Krankheiten verhindern können.
Ähnliches gilt für Alkohol und Tabak: Auch hier fehlen konsequente, evidenzbasierte Maßnahmen, obwohl die gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Schäden enorm sind. Die jüngsten Umfrageergebnisse zeigen, dass die Bevölkerung hier weiter ist als die Politik: Eine Mehrheit spricht sich für höhere Steuern auf Tabak aus – und fast drei Viertel befürworten, diese Einnahmen gezielt für das Gesundheitssystem einzusetzen. Das ist ein starkes Signal für eine präventionsorientierte Politik.
Einen regelrechten Paradigmenwechsel brauchen wir in der Pflege. Viel zu sehr liegt und lag der Schwerpunkt darauf, Defizite auszugleichen. Es muss im Gegenteil viel mehr Fokus darauf liegen, Fähigkeiten zu erhalten und wo immer möglich zurück zu gewinnen. Jeder Sturz der vermieden wird, jedes Stück Selbständigkeit, das erhalten bleibt, bedeutet ein Mehr an Lebensqualität. Dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen, z. B. durch einen entsprechenden Fokus in der Ausbildung und Arbeit in den Einrichtungen.
Prävention ist dabei immer auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Gesundheitsrisiken sind ungleich verteilt. Menschen mit geringeren Ressourcen sind häufiger von ungesunder Ernährung, höherem Alkoholkonsum und Bewegungsmangel betroffen und haben zudem einen schlechteren Zugang zu Maßnahmen der Prävention – nicht aus fehlender Einsicht, sondern weil gesunde Entscheidungen oft die schwierigeren sind. Gerade diese Ungleichheiten spiegeln sich später auch im Pflegebedarf wider – ein weiterer Grund, Prävention gezielt zu stärken.
Gleichzeitig eröffnen neue Technologien große Chancen. Digitale Anwendungen, Wearables und KI-gestützte Analysen ermöglichen erstmals eine wirklich personalisierte Prävention. Individuelle Risikoprofile können frühzeitig erkannt und gezielt adressiert werden. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir Vorsorgeuntersuchungen ausbauen und die Primärversorgung stärken, um Prävention in den Alltag der Menschen zu integrieren. Auch in der Pflege können solche Ansätze helfen, Verschlechterungen frühzeitig zu erkennen und Pflegebedarfe zu reduzieren.
Was jetzt politisch zu tun ist, liegt auf der Hand:
Es braucht eine umfassende, nachhaltige, sektoren- und ressortübergreifende Vision zur Verankerung von Prävention – unabhängig von Legislaturperioden. Deutschland könnte sich beispielsweise zum Ziel setzen bis 2040 das gesündeste Land in Europa zu werden- zur Zeit belegen wir Platz 17 von 18 im Health Index.
Fazit:
Um das zu erreichen müssen wir erstens Prävention verbindlich priorisieren und deutlich stärker finanzieren. Zweitens brauchen wir mutige Schritte in der Verhältnisprävention – etwa durch eine gesundheitsorientierte Besteuerung von Tabak, Alkohol und zuckergesüßten Produkten, sowie klare Regeln für Werbung und Verfügbarkeit. Drittens müssen wir die Gesundheitskompetenz systematisch fördern. Und viertens gilt es, die Chancen der Digitalisierung konsequent zu nutzen, um Prävention individueller und wirksamer zu machen.
Eine gute Präventionspolitik ist die wirksamste Pflegepolitik. Sie kann Krankheiten verhindern, Selbstständigkeit erhalten und diejenigen entlasten, die auf Unterstützung angewiesen sind. Prävention in der Pflege hat das Potenzial, die Selbstständigkeit pflegebedürftiger Menschen möglichst lange zu erhalten, die Zeitspanne mit Pflegebedarf möglichst kurz zu halten und auf die letzte Lebensphase zu beschränken. Wenn wir heute handeln, gewinnen wir morgen: an Lebensqualität, an gesunden Lebensjahren – und an Stabilität für unser Gesundheitssystem.
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